
Der Abschied
Wer zum ersten Mal eine Pflegestelle wird, denkt meistens an den Anfang.
An die Ankunft, die ersten Tage, das langsame Auftauen eines Hundes, der noch nicht weiß, ob er vertrauen darf. Dass am Ende ein Abschied steht – und was dieser Abschied wirklich bedeutet – das trifft einen dann doch anders als erwartet.
Dieser Artikel ist ein persönlicher. Er erzählt von drei Hunden, drei Abschieden und dem, was ich dabei gelernt habe. Über mich. Und über Hunde.
Und er erzählt von etwas, das fast alle Pflegestellen kennen – auch wenn sie es vielleicht noch nicht in Worte gefasst haben. Ich bin definitiv nicht die Einzige.
Anila – die Zutrauliche, die mir das Herz gebrochen hat
Anila kam aus der Zucht zu mir. Eine wunderschöne Golden Retriever Hündin – mega lieb, mega zutraulich dem Menschen gegenüber. Und trotzdem: Eine Woche lang konnte ich den Fernseher nicht anschalten. Das Geräusch, die Geräusche des Alltags, die unbekannte Umgebung – alles machte ihr Angst. Vor allem im Haus.
Stück für Stück hat sie gelernt, mir zu vertrauen. Und das – dieses langsam wachsende Vertrauen – bindet ungemein. Man wird zur Ankerperson. Zur sicheren Basis. Und man weiß, dass man das nicht leichtfertig nehmen darf.
Dann kam der erste Besuch. Potentielle Adoptanten. Und es war Liebe auf den ersten Blick – in beide Richtungen. Ich sah es sofort. Und ich wusste: Das ist ihr Traumzuhause. Zwei Menschen, die sie lieben. Mehr Gesellschaft, als ich ihr alleine geben konnte.
Und trotzdem habe ich geheult wie ein Schlosshund.
Ich fühlte mich, als würde ich sie verraten. Sie hatte mir vertraut – ausgerechnet mir. Und jetzt gab ich sie weiter. An Menschen, die sie noch nicht kannten. Wie konnte das richtig sein?
Ach ja – und noch etwas über Anila, das mich im Nachhinein sehr zum Schmunzeln gebracht hat. Sie hat bei mir nie mit anderen Hunden gespielt. Nie. Ich dachte schon, sie sei einfach kein Hunde-Hund. Bis wir beim SoKo-Sommerfest waren. Anila ist sofort losgelaufen – direkt zu den anderen Goldies und Labradors. Als hätte sie sie ihr ganzes Leben gekannt. Kein Zögern, kein Schnuppern, kein Abwarten. Einfach: endlich die eigenen Leute. Das hat mir einen ersten Hinweis gegeben – Retriever haben, sagen wir mal, eine sehr ausgeprägte Vorliebe für die eigene Art. 😄
Cody – der Pubertätsteufel mit dem goldenen Herzen
Cody war das komplette Gegenteil. Ein einjähriger Labrador, voll in der Pubertät – und trotzdem oder genau deshalb ein absolutes Erlebnis. Lernfreudig, neugierig, nach kurzer Zeit im Freilauf immer abrufbar. Immer an mir orientiert. Er hat Hundefreunde gefunden, die Welt entdeckt, jeden Tag aufs Neue alles gegeben.
Mit Cody ist man einfach glücklich. Diese Energie, diese Freude – man steckt das an.
Und dann fand er seine Familie. Eine tolle Familie mit Hundefreunden, einem Haus, einem Garten – und der Ostsee vor der Haustür. Die Ostsee. Für einen Labrador.
Auch hier: Ähnliche Gefühle wie bei Anila. Dieses Ziehen im Bauch. Diese leise Frage: Vermisst er mich? Und natürlich die Tränen beim Abschied.
Pixie – die Klebekünstlerin, die wusste was sie brauchte
Pixie war sechs Jahre alt und kam ebenfalls aus der Zucht. Sehr scheu, aber nicht ängstlich – das ist ein wichtiger Unterschied. Sie hat an mir geklebt wie eine Klette. Wirklich. Überallhin.
Ich merkte schnell: Pixie vermisst Labradorgesellschaft. Andere Hunderassen fand sie gar nicht toll – hat sie im Garten oder auf dem Hundeplatz verbellt, auch wenn sie beim gemeinsamen Spaziergang völlig entspannt war. Es war eine klare Kommunikation: Ich brauche jemanden wie mich.
Ich sage es mal so: Ich glaube, Retriever sind „Rassisten". 😄 Nur die eigene Art ist wirklich akzeptabel. Alles andere wird geduldet – aber begeistert ist man nicht.
Und ich habe gemerkt: Ein zweiter Labrador würde ihr guttun. Dieses Gefühl hat sich beim ersten Besuch ihrer Adoptanten sofort bestätigt. Pixie und der dort lebende Schoko-Labrador – ein Herz und eine Seele. Sofort. Als hätten sie sich immer gekannt.
Auch dieser Abschied hat mich nicht kalt gelassen. Auch hier das gleiche Ziehen. Die gleiche Frage. Und auch wieder die Tränen…
Was alle drei Abschiede gemeinsam hatten
Bei allen drei Hunden hatte ich im Moment der Übergabe dasselbe Gefühl. Dieses Gemisch aus Trauer, Zweifel und einer leisen Stimme, die fragt: Habe ich das Richtige getan?
Und alle drei Mal war die Antwort: Ja.
Denn alle drei Hunde und ihre Für-immer-Familien stehen heute noch in engem Kontakt mit mir. Ich sehe Fotos, bekomme Nachrichten, erfahre wie sie sich entwickelt haben. Ich sehe, wie glücklich sie sind. Nicht ein bisschen glücklich – richtig glücklich. Angekommen. Zuhause.
Und das verändert etwas.
Was Hunde über Abschied wissen – und wir nicht
Hier kommt etwas, das mir sehr geholfen hat. Und das ich gerne weitergeben möchte.
Ich verdanke dieses Wissen einer sehr guten Freundin – Tierpflegerin, Hundetrainerin und jemand mit jahrelanger Erfahrung im Tierschutz und mit Pflegehunden. Sie hat es mir erklärt. Und dann nochmal. Und dann nochmal. Ich glaube, es waren mindestens tausend Mal – bis es wirklich angekommen ist. 😄 Vielleicht hilft es dir beim ersten Mal.
Hunde leben im Hier und Jetzt. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft – im Moment. Das ist keine Vereinfachung, das ist Hundepsychologie. Ihr Gehirn funktioniert anders als unseres. Sie grübeln nicht. Sie bereuen nicht. Sie machen sich keine Vorwürfe.
Was das bedeutet: Wenn Anila, Cody oder Pixie in ihr neues Zuhause kamen, haben sie nicht an mich gedacht und mich vermisst – so wie ich an sie gedacht habe. Sie haben angefangen, das Neue zu erkunden. Neue Gerüche, neue Menschen, neue Routinen. Und wenn diese neuen Menschen liebevoll, verlässlich und klar sind – dann ist der Hund bald angekommen. Wirklich angekommen.
Das heißt nicht, dass Hunde keine Bindung eingehen. Das tun sie – tief und aufrichtig. Aber sie tragen diese Bindung anders. Ohne das Gewicht der Erinnerung, das wir Menschen mit uns schleppen.
Der Abschied, den ich so schmerzlich empfunden habe – für den Hund war er der Beginn von etwas Neuem. Nicht ein Verlust, sondern ein Aufbruch.
Das Verraten-Gefühl – und warum es falsch ist
Das Gefühl, jemanden zu verraten – das kenne ich. Und fast alle Pflegestellen kennen es.
Aber lass mich das umdrehen.
Ein Hund, der dir vertraut, hat gelernt: Menschen können gut sein. Diese Lektion nimmst du ihm nicht weg, wenn du ihn weitergibst. Du hast sie ihm beigebracht. Du hast den Grundstein gelegt. Du hast ihm gezeigt, dass es sichere Menschen gibt – und genau dieses Wissen trägt er mit in sein neues Leben.
Du verrätst ihn nicht. Du schickst ihn los.
Warum Pflegestellen immer wieder machen
Nach Anila war ich sicher: Das tue ich mir nicht nochmal an.
Und dann kam Cody. Und dann Pixie.
Und ich weiß jetzt schon – beim nächsten Hund wird es wieder so sein. Ich werde wieder heulen, ohne Ende. Das ist keine Schwäche. Das ist, weil man diese Tiere einfach liebt. Weil man gar nicht anders kann. Und ehrlich gesagt möchte ich auch gar nicht anders können – denn genau dieses Gefühl zeigt, dass man den Job richtig macht.
Weil man irgendwann versteht, was diese Arbeit wirklich ist. Nicht ein Opfer. Nicht ein Verlust. Sondern eine Brücke. Eine Pflegestelle baut eine Brücke – zwischen dem, wo der Hund war, und dem, wo er hingehört.
Und nach der Übergabe? Dann kann man einem weiteren Hund helfen, ein tolles Leben zu bekommen. Der nächste wartet. Der nächste braucht genau das, was du geben kannst.
Das ist kein Trost. Das ist der Sinn.
Du möchtest Pflegestelle werden? Wir erzählen dir gerne mehr – ohne Druck, ohne Versprechen, die wir nicht halten können. Nur ehrlich.
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