Muskelaufbau und Selbstvertrauen

Manche Hunde, die zu uns kommen, wirken auf den ersten Blick rundlich – manchmal sogar deutlich übergewichtig. Und trotzdem zeigt sich beim genaueren Hinsehen und Abtasten oft ein anderes Bild: Unter dem Fett liegt kaum Muskulatur. Die Beine wirken trotz des Körpergewichts schwach, der Rücken wenig konturiert, die Bewegungen unsicher und ungelenkig. Hinzu kommt häufig eine geduckte Körperhaltung – der Kopf tief, der Rücken leicht gekrümmt, der Schwanz eingeklemmt. Übergewicht und Unterbemuskelung gleichzeitig – das klingt zunächst widersprüchlich, ist in der Praxis aber keine Seltenheit.


Warum das so häufig vorkommt

Ein großer Teil unserer Retriever stammt aus größeren Zuchtbetrieben. Dort werden die Grundbedürfnisse der Hunde in der Regel erfüllt – Futter, Wasser, ein Dach über dem Kopf, tierärztliche Versorgung. Was in einem solchen Umfeld aber häufig fehlt, ist genau das, was einen Hundekörper wirklich formt: Bewegungsvielfalt.

Ein Hund, der einen Großteil seines Lebens in einem begrenzten Bereich verbringt – ohne lange Spaziergänge, ohne Klettern, Springen, Rennen auf unterschiedlichem Untergrund, ohne Schwimmen – verbraucht deutlich weniger Energie, als ein aktiver Hund normalerweise würde. Gleichzeitig ist die Fütterung meist auf einen ausgewachsenen, durchschnittlichen Hund ausgelegt, ohne dass der tatsächliche, oft sehr geringe Bewegungsumfang berücksichtigt wird. Das Ergebnis: Der Hund nimmt zu, ohne dass sich parallel Muskulatur aufbaut. Ganz im Gegenteil – das zusätzliche Gewicht wird auf eine noch dazu recht schwache Muskulatur draufgesetzt, was Gelenke und Rücken zusätzlich belastet.

Die geduckte Körperhaltung kommt meist von einer anderen, aber verwandten Seite: der Unsicherheit. Ein Hund, der wenig Kontakt zu unterschiedlichen Umgebungen und Menschen hatte, trägt seinen Körper oft schon rein aus Vorsicht anders – geduckter, zurückhaltender, kleiner gemacht. Und ein Hund, der sich unsicher bewegt, bewegt sich zwangsläufig auch weniger frei und ausladend – was die Situation zusätzlich verstärkt. Übergewicht, fehlende Muskulatur und Unsicherheit befeuern sich hier gegenseitig. Ein Kreislauf, den man mit der richtigen, geduldigen Herangehensweise gut durchbrechen kann.

Die gute Nachricht: Sowohl das Gewicht als auch die Muskulatur lassen sich mit der Zeit regulieren. Und mit einem gesünderen Körper wächst häufig auch das Selbstvertrauen.


Die Ernährung als Grundlage

Bevor man an Bewegung denkt, lohnt sich ein Blick auf den Teller. Bei übergewichtigen, unterbemuskelten Hunden braucht es hier eine etwas andere Balance als bei einem einfach nur dünnen Hund: Es geht nicht darum, mehr Kalorien zu geben, sondern die richtigen.

Kalorien reduzieren, aber Protein nicht kürzen. Muskeln bestehen aus Eiweiß – gerade beim Abnehmen ist ausreichend hochwertiges Protein wichtig, damit der Körper vorhandene Muskulatur nicht zusätzlich abbaut, sondern im besten Fall sogar aufbaut, während das Fettgewebe reduziert wird.

Langsame, kontrollierte Gewichtsreduktion. Zu schnelles Abnehmen kann dem Körper schaden, besonders bei Hunden, die ohnehin schon wenig Muskulatur zum Abfedern haben. Der Tierarzt oder die Tierärztin kann ein realistisches, gesundes Tempo für die Gewichtsabnahme festlegen.

Leckerlis überdenken. Gerade bei übergewichtigen Hunden lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die tägliche Menge an Leckerlis und Zusatzfütterung – oft macht das mehr aus, als man denkt. Eine gute Alternative: kleine Mengen Gemüse wie Karotten oder Gurken als kalorienarme Belohnung.

Omega-3-Fettsäuren unterstützen nicht nur das Fell, sondern wirken sich auch positiv auf Gelenke und Muskulatur aus – wichtig gerade bei Hunden, deren Gelenke durch das Übergewicht bereits zusätzlich belastet sind.

Am wichtigsten: Bei deutlichem Übergewicht kombiniert mit Unterbemuskelung immer Rücksprache mit dem Tierarzt halten. Ein individueller Ernährungs- und Bewegungsplan, abgestimmt auf den jeweiligen Hund, ersetzt keine allgemeinen Tipps.


Bewegung – aber richtig dosiert

Der Impuls, einen übergewichtigen und gleichzeitig unterbemuskelten Hund möglichst schnell "in Form zu bringen", ist verständlich. Trotzdem gilt hier besondere Vorsicht: Ein Körper, der zusätzliches Gewicht tragen muss und gleichzeitig wenig Muskulatur zum Abfedern hat, ist anfälliger für Überlastung von Gelenken und Sehnen. Hier zählt: langsam und stetig, nicht schnell und intensiv.

Kurze, häufige Einheiten statt seltener, langer Anstrengung. Mehrere kurze Spaziergänge über den Tag verteilt sind anfangs deutlich schonender als ein einziger langer.

Schwimmen, wenn möglich – hier besonders wertvoll. Gerade für übergewichtige Hunde mit schwacher Muskulatur ist Schwimmen ideal: Der Wasserwiderstand fordert den ganzen Körper und baut Muskulatur auf, während das Wasser gleichzeitig das Gewicht trägt und die Gelenke entlastet. Für wasserbegeisterte Retriever oft ein echter Glücksfall.

Abwechslungsreicher, aber ebener Untergrund am Anfang. Wiese und Waldboden sind gut geeignet. Steile Anstiege oder Treppen sollten anfangs eher vermieden werden, bis sich erste Muskulatur aufgebaut hat – sie belasten Gelenke bei übergewichtigen Hunden stärker.

Kleine Balance- und Koordinationsübungen. Auf unebenem, aber flachem Gelände laufen, kurze Male auf einem dick gepolsterten Kissen stehen – all das aktiviert die Tiefenmuskulatur, ohne die Gelenke stark zu fordern.

Tempo steigern erst, wenn Gewicht und Muskulatur sich angenähert haben. Erst wenn ein gesünderes Gleichgewicht erreicht ist, können intensivere Einheiten wie längere Spaziergänge oder leichtes Bergauflaufen dazukommen.


Der psychologische Anteil: Selbstvertrauen aufbauen

Weil Unsicherheit und Körperhaltung so eng miteinander verknüpft sind, lohnt es sich, den körperlichen Aufbau nicht isoliert zu betrachten. Ein Hund, der sich sicherer fühlt, bewegt sich automatisch freier – und ein Hund, der sich freier bewegt, baut leichter Muskulatur auf und purzeln eher die Kilos. Beides gemeinsam anzugehen bringt oft die besten Ergebnisse.

Erfolgserlebnisse schaffen. Kleine, leicht zu bewältigende Herausforderungen geben dem Hund das Gefühl: Ich schaffe das. Dieses Gefühl überträgt sich auf die gesamte Körperhaltung.

Loben, wenn der Hund sich aufrichtet. Steht der Hund einmal entspannter, mit weniger geducktem Rücken – das ruhig wahrnehmen und positiv bestärken.

Kein Leistungsdruck. Der Fortschritt sollte sich am Hund orientieren, nicht an einem festen Zeitplan. Manche Hunde brauchen Wochen, manche Monate, bis sich Gewicht, Haltung und Muskulatur sichtbar verbessern.

Nasenarbeit als Ergänzung. Wie in einem unserer früheren Artikel beschrieben, stärkt Nasenarbeit nicht nur die mentale Auslastung, sondern auch das Selbstvertrauen – ein Hund, der Erfolgserlebnisse beim Suchen hat, trägt diese Sicherheit oft auch in seine Körperhaltung. Und als angenehmer Nebeneffekt: Nasenarbeit macht müde, ohne die Gelenke zu belasten – ideal während der Abnehmphase.


Wie man Fortschritte erkennt

Sowohl Gewichtsabnahme als auch Muskelaufbau passieren langsam – manchmal so langsam, dass man sie im Alltag kaum bemerkt. Ein paar Anhaltspunkte, an denen sich Fortschritt zeigt:

  • Die Taille wird beim Blick von oben sichtbarer
  • Die Rippen lassen sich leicht ertasten, ohne sichtbar hervorzustehen
  • Der Rücken wirkt gerader, weniger eingesunken
  • Die Bewegungen werden flüssiger, ausdauernder und selbstbewusster
  • Der Hund läuft öfter mit erhobenem statt geducktem Kopf
  • Die Oberschenkel- und Schultermuskulatur wird beim Abtasten fester

Diese kleinen Veränderungen zusammengenommen ergeben nach einigen Wochen oder Monaten ein deutlich anderes Bild – körperlich wie im Auftreten.


Geduld ist der wichtigste Baustein

Ein Hund, der über Jahre wenig Bewegungsvielfalt und dabei zu viele Kalorien hatte, wird nicht in zwei Wochen zum durchtrainierten, schlanken Athleten. Aber mit der richtigen Ernährung, gut dosierter Bewegung und viel Geduld verändert sich mit der Zeit nicht nur der Körper – sondern oft auch das gesamte Wesen des Hundes. Aus einem geduckten, übergewichtigen und unsicheren Tier wird nach und nach ein Hund, der aufrecht geht, der seine Umgebung mit mehr Selbstverständlichkeit erkundet und der spürbar in sich selbst ruht.

Das ist einer der schönsten Momente in der Arbeit mit unseren Hunden: zu sehen, wie sich nicht nur der Körper, sondern auch die ganze Ausstrahlung eines Tieres verändert.


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